Einst abgelehnt und verhöhnt, heute im Kommen: der Talar

By Christian

Am kommenden Samstag verabschiedet die Universität Bonn ihre Absolventen unter dem Motto „Das muss gefeiert werden!“. Doch wehe ein Abgänger nimmt seine Urkunde in Jeans und T-Shirt entgegen. Statt neuzeitlichem Look ziehen die Noch-Studenten Schärpe, Bommel und Gewand an. Ein altzeitliches Brauchtum, das hierzulande einmalig ist.

Wie schon in den letzten drei Jahren gestattet es die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität ihren Absolventen für einen Tag im mittelalterlichen Zeitgeist in langen Gewändern und Doktorhüten ihre Urkunden entgegenzunehmen.

Bildautor/Uni Bonn

Foto: Bildautor/Uni Bonn

Auch an diesem Samstag, den 5. Juli, wie die Jahre zuvor, wird es nicht anders sein: Am frühen Vormittag ziehen die Studenten der einzelnen Fakultäten mit ihrem bestellten Talar, den sie sich am Vortag an der Uni abholen, durch die Stadt, um am vereinbarten Treffpunkt von ihrem jeweiligen Dekan begrüßt zu werden. Danach wird gemeinsam gefrühstückt, ehe die prunkvoll Gekleideten in Richtung Hofgartenwiese, wo das Fest stattfindet, aufbrechen. Ritual gemäß wird das Rektorat einziehen und die Feierlichkeit eröffnen. Es folgen ein Grußwort der Oberbürgermeisterin und dem Gastredner Professor Otmar Wiestler, Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg.

Und auch der Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA), wird zum Zuge kommen – höchstwahrscheinlich mit lobenden Worten- versuchte doch die AStA das erste Fest vor ein paar Jahren in letzter Minute „überraschend“ zu kippen. Verwandte und Eltern werden mit funkelnden Augen ihre jungen Lieblinge stolz verfolgen, während Fotografen nur darauf warten werden, bis die Absolventen am Ende der Feier ihre Hüte in die Luft werfen. Am Nachmittag wird ein ökumenischer Gottesdienst folgen und am Abend dürfen sich die Gefeierten wieder zeitnah kleiden- in Smoking und Kleid- wenn der Tag mit einem Tanzball endet.

Bildautor/Uni Bonn)

Foto: Bildautor/Uni Bonn

Doch wie nehmen die Akademiker das neue Brauchtum auf? „Es wird von den Absolventen sehr gut angenommen“, antwortet Andreas Archut, Pressesprecher der Universität Bonn, auf diese Frage. Bereits eine Woche vor dem Fest haben sich etwa die Hälfte von 2000 Absolventen für die große Show angemeldet. „Ein guter Schnitt“, fügt Andreas Archut hinzu. Vor einem Jahr waren es 30 weniger, während drei Jahre zuvor gerade einmal 700 von 2000 Absolventen an diesem Brauchtum teilnahmen. Die Tendenz ist also steigend. Und auch die Mitarbeiter und Professoren seien von dem Fest begeistert.

Erst 1968, in Folge der wütenden Revolte der Studenten, hatte man in Deutschland die Talare der Professoren abgeschafft. Mit legendären Anti-Parolen, wie „Muff aus 1000 Jahren“, das sich die Studenten auf die Fahne schrieben, zogen damals die Gegner über das Gewand spöttisch her. Doch jetzt wollen offensichtlich immer mehr Studenten einen prunkvollen Abschied in Talar, was für Deutschlands Hochschullandschaft neu ist.

Für die Absolventen wird es ein würdiger Abgang. Einer, der in Erinnerung bleiben wird und deutlich 5000 Gäste erreichen wird, wenn sie ihre Freunde und Familien zu jenem Tag einladen werden. Für die Uni ist dies ein großer Aufwand, denn für die Organisatoren gilt es schließlich die Teilnehmer „vor Wind und Wetter zu schützen“. Mehr als 50 Personen sind direkt an Aufbau, Koordination und Abbau beteiligt. Allein die Sachkosten betragen fast 300 000 €, die von den großen Sponsoren wie der Deutschen Telekom und Deutschen Post getragen werden.

Andreas Archut ist sich sicher: Sobald der Bachelor eingeführt wird, der einen zeitgleichen Abschluss für fast jedes Studienfach vorsieht, werde auch die Zahl der Anmeldungen noch einmal enorm steigen. Ein Zeichen dafür, dass der Trend auch unter den Studenten an Sympathie gewinnt- stammte doch diese Idee von einem Prorektor der Uni.

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Eine Antwort zu “Einst abgelehnt und verhöhnt, heute im Kommen: der Talar”

  1. Nikita sagt:

    Es ist ja, klar, dass nach den Hochschulreformen, die darauf abzielten, die Errungenschaften von 68 rückgängig zu machen (Verschulung des Studiums -> Eindämmung des kritischen Geistes) jetzt auch noch das Image korrigiert werden muss, damit es nicht nur nicht nach 1968 aussieht, sondern am besten nach 1668.

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